Montag, 5. Dezember 2011

Esels-Erinnerungen



Esels-Erinnerungen

Genüsslich steckte er seine Schnauze in das frische Heu. Die beiden Kleinen tapsten näher und vergruben ihre Gesichter ebenfalls in dem duftenden Futter. Sie schmatzten und schlangen das Heu gierig hinunter, während der alte Esel gemächlich und leise fraß. Nach wenigen Minuten war der Futtertrog leer. Mit einem zufriedenen Seufzer wandte er sich ab und trottete in eine Ecke des Stalls. Die zwei Eselskinder, es waren Bruder und Schwester, hasteten ihm nach. Er wollte sich gerade hinlegen, doch die Beiden drängten sich um ihn und kuschelten sich an seine Seite. „Bitte, erzähl uns doch eine Geschichte!“, bettelten sie und schauten ihn mit großen unschuldigen Augen an. „Nun gut“, gab sich der alte Esel geschlagen. So viel Charme konnte er nicht widerstehen. „Juhu!!“ Das kleine Esel-Mädchen sprang vor Freude fast in die Luft. Ihr Bruder dagegen blieb ruhig. Er blickte den Alten nur mit ernsten Augen an und meinte mit Nachdruck „Aber eine wahre Geschichte.“ Mit seiner angenehm tiefen Stimme begann der greise Esel zu erzählen. „Vor langer Zeit lebte ich ein anstrengendes aber gutes Leben in einem kleinen Ort. Ich musste hart arbeiten, aber mein Herr gab mir genug zu fressen und kümmerte sich gut um mich. Eines Abends kam er zu mir in den Stall und begann mich zu bürsten. Immer wenn er das machte, wusste ich, dass ihn irgendetwas bedrückte. So war es auch dieses Mal. Nach kurzer Zeit begann er zu erzählen. Es ging um ein Mädchen. Das ist bei den Menschen nichts Ungewöhnliches.“ Bei dem Wort Mädchen hatte die kleine Eselin ihre Ohren aufmerksam in die Höhe gereckt und fragte nun den Erzähler mit piepsiger Stimme: „Ein Mädchen? So wie ich? War sie hübsch?“ Obwohl er im ersten Moment verärgert über die Unterbrechung war, musste der alte Esel jetzt schmunzeln. „Ja ein Mädchen, so wie du. Vielleicht war sie ein bisschen älter, aber doch noch sehr jung. Und hübsch war sie, das muss schon gesagt werden. Mein Herr konnte sich glücklich schätzen, denn er war mit ihr verlobt. Doch nun zurück zu dem, was er mir erzählt hatte. Sein Mädchen erwartete ein Kind, aber nicht von ihm.“ Entsetzt sogen die Geschwister die Luft ein und die kleine Eselin schüttelte entrüstet und enttäuscht den Kopf. Gerade noch war sie begeistert von diesem Mädchen gewesen und nun das! „Wartet Kinder, urteilt nicht, bevor ihr nicht die ganze Geschichte kennt. Die Verlobte meines Herrn behauptete, dass ihr Kind von Gott kommen würde. Ein Engel sei zu ihr gekommen und hätte ihr das gesagt.“ „Von Gott?“ „Wie soll denn das gehen?“ „Was ist denn ein Engel?“ Verwirrt redeten die Kleinen durcheinander. Der Alte sprach beruhigend auf sie ein: „Langsam, langsam. Immer der Reihe nach. Ich werde es euch schon noch erklären. Also: Ein Engel ist ein Bote Gottes, so ähnlich wie ein Briefträger. Er bringt den Menschen Nachrichten von Gott. Und dem Mädchen hat er die Nachricht gebracht, dass sie ein Kind bekommen würde, ohne einen Mann. Das ist eigentlich unmöglich. Aber so war es. Ich hab es mit eigenen Augen gesehen. Aber halt, ich greife vor, so weit sind wir ja noch nicht.“ „Was hat denn dein Herr zu dem Ganzen gesagt?“, fragte der Esel-Junge. „Mein Herr war natürlich verwirrt und auch enttäuscht. Er konnte die Geschichte seiner Verlobten nicht wirklich glauben. Aber am nächsten Tag war er wie ausgewechselt. Sofort nach dem Aufstehen, noch bevor er zu arbeiten begann, lief er zu seinem Mädchen und sagte ihr, dass er sie heiraten werde. Ich war verwirrt. Da war er tags zuvor noch so schockiert über ihr Geständnis und auf einmal war alles wieder in Ordnung.“ Die kleinen Esel schauten den Alten in gespannter Erwartung an. „Warum hat er seine Meinung geändert?“ „An diesem Abend“, fuhr der große Esel fort, „kam mein Herr wieder zu mir in den Stall. Er erzählte mir, dass er in der vorigen Nacht einen Traum gehabt hatte. In diesem Traum hat ein Engel mit ihm geredet und ihm gesagt, dass seine Verlobte ihn nicht betrogen und auch nicht angelogen hatte.“ „Schon wieder ein Engel“, kommentierte der kleine Esel, und wusste  nicht so recht, was er von dieser Tatsache halten sollte. „Ja, Engel spielen in dieser Geschichte eine recht bedeutende Rolle. Aber alles der Reihe nach. Das Mädchen war also schwanger und ihr Bauch wurde immer dicker. Als sie schon fast kugelrund war, kam ein wichtig aussehender Mann in unseren Ort und begann am Marktplatz laut etwas vorzulesen. Als er wieder weg war schien unser kleines Dorf sich in einen Bienenstock zu verwandeln. Alle redeten und tuschelten miteinander und viele begannen ihre Sachen für eine Reise zu packen.“ „Das muss aber wichtig gewesen sein, was dieser Mann da vorgelesen hat“, staunte das Esel-Mädchen, „wenn es das ganze Dorf in Aufruhr gebracht hat.“ „Da hast du völlig Recht.“ Voller Stolz schielte die Kleine zu ihrem Bruder hinüber. Der tat so, als hätte er es nicht bemerkt und wandte sich ganz bewusst dem alten Esel zu. Dieser erzählte weiter: „Der Mann war ein Bote des Kaisers. Der Kaiser hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er alle Leute in seinem Land zählen wollte.“ „Das waren sicher viele. Sicher mehr als Hundermillionentausend“, meinte der kleine Esel. „Ganz genau, es waren sehr viele.“ Nun war der kleine Junge an der Reihe, seine Brust stolz zu recken und seiner Schwester einen selbstzufriedenen Blick zuzuwerfen. „Ich hab auch etwas gewusst“ sollte dieser Blick bedeuten. Der alte Esel räusperte sich, um die Aufmerksamkeit der beiden wiederzuerlangen. „Weil es so viele Menschen waren, beschloss der Kaiser, dass alle in die Stadt gehen sollten, aus der sie ursprünglich kamen. So wollte er verhindern, dass jemand übersehen wurde. Mein Herr begann noch am selben Tag viele Dinge auf meinen Rücken zu packen. Er und sein Mädchen mussten auch in eine andere Stadt gehen. Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg. Es war eine lange Reise, mehrere Tagesmärsche lang.“ „Aber das Mädchen hatte doch einen kugelrunden Bauch!“, protestierte die kleine Eselin entrüstet. Auch der Junge nickte zustimmend: „Sie kann doch nicht so weit gehen.“ „Ja, für das Mädchen war es wirklich anstrengend. Deshalb durfte sie auch einen großen Teil der Reise auf mir reiten.“ Die Geschwister waren beeindruckt. „Das ist aber nett von dir.“ Geschmeichelt von diesem Kompliment fuhr der alte Esel fort: „Schließlich waren wir am Ziel unserer Reise angekommen. Ich freute mich auf einen gemütliches Plätzchen zum Schlafen und eine große Portion Heu. Mein Herr und sein Mädchen freuten sich auch auf ein Bett zum Schlafen und eine warme Gaststube, wo sie zu Abend essen konnten. Doch leider wurde daraus nichts. Alle Gasthäuser in der Stadt waren voll. Niemand hatte Platz für uns. Das Mädchen begann zu weinen, denn ihr Baby sollte bald auf die Welt kommen und sie hatte nicht einmal ein Bett.“ Die Augen des Esel-Mädchens füllten sich ebenfalls mit Tränen. Wie ungerecht war doch die Welt! Der greise Esel drückte ihr einen sanften Kuss auf die Schnauze. „Nana, nicht weinen. Die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Es fand sich schließlich doch noch ein Platz für die Menschen. Ich teilte mir einen Stall mit ihnen. Normalerweise schlafen Menschen ja nicht in Ställen, aber mein Herr war froh, dass sie ein Dach über dem Kopf hatten. In dieser Nacht kam das Baby auf die Welt.“ „Menschenbabys brauchen doch ein Bett, oder?“, fragte der Esel-Junge. „Aber in einem Stall steht doch kein Bett?“, schniefte die kleine Eselin. Die Geschwister konnten sich gar nicht vorstellen, wie so ein kleines Ding in ihrem Stall zurechtkommen würde. Menschenbabys waren doch so winzig und zerbrechlich. Ein Stall war kein geeigneter Ort für sie. „Ja, ein Bett hatten wir nicht in dem Stall. Aber ich hatte eine gute Idee. Im Futtertrog war noch ein wenig Heu übrig, und wenn man eine Decke darüberlegte, würde das ein weiches Bett für das kleine Menschlein machen. So legte das Mädchen ihr Baby in den Trog. „Das arme kleine Ding“, ertönte es fast einstimmig von den zwei kleinen Eseln. „Das habe ich mir auch gedacht, als ich mich schließlich schlafenlegte. Plötzlich wurde ich von Stimmen aus dem Schlaf gerissen. Eine Gruppe von unrasierten, schmutzigen, einfach gekleideten Hirten kam in unseren Stall. Draußen blökten ihre Schafe. ‚Wieso stören die meine Nachtruhe‘, dachte ich mir. Mein Herr dachte sich dasselbe. Er fragte die Männer, was sie hier wollten. Da fingen sie an zu erzählen. Sie waren wie immer mit ihren Herden am Feld gewesen, als plötzlich ein Engel da war und …“ „Schon wieder ein Engel!“, rief der kleine Esel aufgeregt. Der alte Esel lächelte. „Nicht nur einer. Die Hirten erzählten, dass dann eine große Menge von Engeln da war. Einer von ihnen hatte den Männern gesagt, wo sie das Baby finden würden, und deshalb waren sie nun da: Um das Baby zu sehen.“ „Das muss aber ein besonderes Baby gewesen sein“, meinte das Esel-Mädchen und ihr Bruder nickte zustimmend. „Ja meine Kleinen, das war es auch. Ein ganz besonderes Baby...“ Der alte Esel hob seinen Kopf und blickte verträumt nach oben. „Dieses Kind war kein normales Menschenbaby.“ Die zwei Eselskinder schauten ihn verwundert an, aber sie trauten sich nicht zu sprechen, denn der Alte schien sich mit seinen Gedanken weit weg zu sein. So schwiegen sie nur und warteten geduldig, bis er weitersprach. „Im ersten Moment ahnte ich das natürlich noch nicht. Es sah aus wie ein normales Menschenbaby und benahm sich auch so. Doch dann …“, die Stimme des greisen Esels brach und er musste sich fassen, bevor er weiter erzählen konnte: „Doch dann öffnete das Kind die Augen und schaute mich an. Sein Blick ist bis in mein Innerstes gedrungen und ich wusste, ich blickte in die Augen meines Schöpfers.“ Nun konnten sich die kleinen Esel vor Aufregung nicht mehr zurückhalten. „Was? Meinst du Gott?“ „Der Schöpfer ist doch Gott.“ „Das heißt…, das heißt, du hast Gott gesehen?“ Lächelnd schaute der Esel die Geschwister an und dann nickte er. „Ja Kinder, Gott ist als Mensch auf die Erde gekommen, und ich habe ihn gesehen!“

Für den Kreativwettbewerb der MedUni Graz. 

Keine Kommentare: