Mittwoch, 26. Oktober 2011

ohne titel



Ein Mensch
Du. Augen, Nase, Ohren, Herz, Mund, Lunge, Beine, Arme, Finger – Körper.
Du siehst dich um. Betrachtest die Landschaft.
Grüne Wiesen bedecken den Boden, wie ein Teppich. Im Frühling sind sie ein Meer aus Farben und Gerüchen. Blumenpracht.
Ein Fluss bahnt sich sanft, aber unbeirrt seinen Weg – schlängelt sich zwischen den Feldern hindurch, gräbt sein Bett tief zwischen Felsen hinein und mündet schließlich am Meer.
Ähren Wogen im Sommer im Wind. Gewitterwolken ziehen auf. Blitze, Donner – ein Orchester aus Licht und Paukenschlägen. Dann der Einsatz des Regens – crescendo. Schließlich kommt das Finale: Die dunklen Wolken müssen langsam der Sonne Platz machen. Es wird heiß, doch nicht im kühlen Schatten der Bäume.
Der Wald. Wunderschöne Farbspiele – rot, orange, grün, gelb, braun und alle Farbtöne dazwischen – stellt er im Herbst zur Schau. Hier raschelt es, dort huscht etwas davon, ein Pfoten-Abdruck auf dem Weg.
Der Boden steigt sanft an. Ein Hügel bedeckt mit Bäumen. Es werden weniger, die Luft wird dünner. Zerklüftete Felsen ragen majestätisch empor. Jeder Stein hat sein eigenes Muster. Gewaltige Gebirge, die die Landschaft formen. Im Winter glitzert der Schnee überall, weit oben bleibt er selbst in der heißen Jahreszeit.
Du. Stehst oben auf einem Berg. Betrachtest die Landschaft.
Du siehst die Wunder. Bist begeistert, glücklich, dankbar. Du siehst etwas. Schaust genauer hin. Und dein Herz hüpft. Will zerspringen vor Freude:
Am äußersten Ende, dort wo alles anfängt und aufhört, ist etwas, das alles zusammenhält.
Etwas?
Du betrachtest es näher. Und siehst:
Die ganze Erde, die gesamte Landschaft hat ein Fundament.
Wird gehalten.
Getragen.
Von Gottes Hand!

… Szenenwechsel…

Es war gerade noch alles in Ordnung gewesen. Doch dann plötzlich
Bist du gefallen. Lange und tief.
Du konntest nichts dagegen machen. Konntest nicht anhalten.
Bis du den Boden erreichtest.
Du blickst auf. Es ist dunkel und feucht.
Oben ist sehr weit weg. Nur ein schwaches Licht kommt von dort.
Was ist passiert? Wo bist du? Wohin bist du gefallen?
Du betrachtest deine Umgebung, deine Umstände. Du kommst zu einem Schluss
Du bist gefallen, so tief, so weit, so lang. Du bist dir sicher, dass du
Herausgefallen bist
Aus Gottes Hand!

Du weinst, du schreist, du hast Angst, du bist wütend, du gibst die Hoffnung auf und schließlich schläfst du ein.

… ein Traum…

In deinem Traum hast du Flügel. Kannst fliegen. Wie ein Adler breitest du deine Schwingen aus.
Hoch, immer höher.
Schließlich erreichst du Oben.
Fliegst höher, noch höher.
Du erwartest Gottes Hand zu sehen. Von ferne.
Dort wo du früher warst.
Du fliegst höher, und weiter und bist erstaunt. Unter dir siehst du Landschaft:
Bäume, Blumen, Flüsse, Wiesen, Felder, Berge, Hügel. Es kommt dir bekannt vor.
Als du noch höher fliegst, siehst du es. Du bist noch immer auf derselben Erde. Auf derselben Erde,
die gehalten wird.
Von Gottes Hand!
Und dann begreifst du:
Du bist gefallen – tief – in ein Loch.
Doch dieses Loch – genauso wie die Berge, der Wald, die Blumen, der Fluss – ist
in Gottes Hand!


Für eine liebe Bekannte, die durch schwere Zeiten ging.

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