Dienstag, 6. April 2010

Die Liebe hört niemal auf

In den Gängen des Universitätsgeländes tummeln sich die Studenten. Vor allem vor dem Kaffeeautomaten drängt sich eine ganze Traube meiner Kommilitonen. Ich warte etwas abseits, bis meine Freundin das schwarze Gold erworben hat und sich durch die Menge zu durchkämpfen kann.

„Ein ganzer normaler Tag auf der Uni“, denke ich.

Schmunzelnd beobachte ich, wie meine Freundin – den Kaffeebecher hoch über ihren Kopf haltend – die Studenten, die ihr im Weg stehen, nicht gerade sehr sanft zur Seite schiebt, als ich plötzlich ein lautes Geräusch höre. „Ein Knall – ein zerplatzter Luftballon wahrscheinlich“, schießt es durch meinen Kopf. Doch dann fängt jemand an zu schreien:

„Jemand schießt! In Deckung!“

Ich versuche auszumachen, wo der Schütze sein könnte, doch ich sehe nur eine Menschenmenge, die jetzt wie eine Herde verängstigter Kühe durcheinanderläuft. Und ich bin mitten drin. Versuche dem Strom zu folgen. Dem Chaos zu entgehen. Schutz zu finden. „Wohin gehen wir?“ Diese Frage beschäftigt vermutlich nicht nur mich. Ich will gerade um die Ecke biegen, um in den Hörsaal zu gelangen, als plötzlich ein unbändiger Schmerz durch meinen Unterleib schießt. Wie ein Messer durchschneidet mich der Schmerz. Macht mich fast ohnmächtig. Ich falle zu Boden. Und im Fall verstehe ich, was passiert ist.

„Ich wurde angeschossen. Von einem Amokläufer.“

Meine Gedanken rasen. Wie ein Strudel kreisen sie in meinem Kopf. Ziehen mich hinab. Ich schließe die Augen. Dunkelheit umfängt mich.

„NEIN!“ Ein durchdringender Schrei gelangt an mein Ohr. Bin ich das?

Plötzlich fühle ich ein Rütteln an meinem Schultern. Eine Stimme sagt etwas. Ich versuche angestrengt zu verstehen was sie sagt. Mich noch nicht fallen zu lassen. Die Stimme wiederholt ein Wort. Ein Wort? Meinen Namen.

Die Stimme ruft meinen Namen. Ruft ihn, weint ihn, schreit ihn voller Schmerz.

Erinnerungen strömen durch meine Gedanken.

Wir hatten uns durch gemeinsame Freunde kennengelernt und dann herausgefunden, dass wir an derselben Universität studieren. Ich fand ihn von Anfang an sympathisch, ein netter fröhlicher, lustiger Kerl. Wir bemerkten, dass wir viele gemeinsame Interessen hatten. Wenn wir mit unseren Freunden unterwegs waren, steckten wir die meiste Zeit zusammen. Wir unterhielten uns stundenlang, schrieben lange E-Mails. Nach einer Zeit wusste ich, dass er für mich mehr war, als nur ein Freund. Ich hatte mich in ihn verliebt. Doch da ich nicht wusste, ob er auch so empfand, sagte ich nichts. Wir waren gute Freunde. Ich hatte mir vorgenommen, mit ihm zu reden. Am Wochenende.

„Nein! Lass mich! Bitte …. ich muss ihr noch etwas sagen … Bitte!“ Die Stimme klingt verzweifelt. Atmet schwer.

„Bitte … sie … wird … sie wird in ein paar Minuten nicht mehr da sein … verliert zu viel Blut“

Er weiß es, ich fühle es. Ich werde sterben. Tot sein. Bald. Gleich. Was will er?

„Kannst du mich hören? Hörst du mich? Bitte … mach die Augen auf!“, klingt seine verzweifelte Stimme ganz nah an meinem Ohr.

Ich versuche zu antworten. Möchte sagen: „Ja ich höre dich“, doch mein Mund gehorcht mir nicht. Nur ein leises Stöhnen entweicht meinen Lippen.

Die Augen! Die Augen öffnen. Ich versuche es, und es klappt. Es dauert ein paar Sekunden, dann sehe ich etwas:

Im Hintergrund kann ich eine schwarze Gestalt erkennen. Ihr Gesicht ist auch schwarz. Ihre Hand hält etwas dunkles, das auf mich zeigt. Auf uns zeigt. „Eine Waffe“ durchzuckt es mich. Doch ich bin schon getroffen. Was will er?

Meine Augen sehen sich suchend um. Nahe bei meinem Gesicht ist etwas. Ist er. Ich versuche ihn anzusehen. Kann meinen Kopf nicht drehen.

Da beugt er sich über mich. Sieht mir in die Augen. Ich sehe in seine Augen. Tränen verwischen die wunderschönen blaugrauen Augen.

Plötzlich weiß ich, was er mir sagen möchte. Spüre es. Sehe es in seinen Augen.

Ich möchte es ihm sagen. Öffne die Lippen. Sie gehorchen mir nicht. Ich versuche es erneut, doch seine Hand legt sich auf meinen Mund.

„Schhhhh. Du musst nicht sprechen. Hör mir nur zu, bitte.“ Seine Stimme beruhigt sich, wird sanft. Seine Hand streichelt meine Wange. Sanft. Schön. Zärtlich.

„Ich … ich wollte dir sagen, dass ich dich mag. Sehr mag. … Ich hab mich in dich verliebt.“

Seine Stimme zittert ein bisschen, doch seine Augen sind ruhig. Halten meine fest. Lassen mich noch nicht los.

Ich möchte lächeln. Versuche es. Weiß nicht, ob meine Lippen tun, was ich möchte.

Er nimmt meine Hand. Berührt sie sanft. Küsst sie.

Nun verschleiern wieder Tränen seine Augen.

„Es tut mir leid. Ich hätte dir das früher sagen sollen. Es tut mir so leid. Ich ...“

Seine letzten Worte gehen in einem Schluchzen unter. Ich will etwas sagen. Ihm sagen, dass ich mich auch verliebt habe. In ihn. Schaffe es nicht. Kann nicht. Mein Mund gehorcht nicht. Mein ganzer Körper ist so schwach. Müde.

Meine Hand. Sie hat noch Kraft. Ein wenig. Ich drücke seine Hand, die auf meiner liegt.

Und er versteht. Sieht mich an. Lächelt.

„Hör auf!“ Die schwarze Gestalt. Ist wütend. „Geh weg von ihr!“ Zeigt mit der Waffe. Auf mich. Nein! Auf ihn.

Er geht nicht weg. Bleibt. Beugt sich zu mit. Küsst mich. Sanft. Zärtlich.

Ein Schuss. Durchbricht die Stille. Sein Körper fällt. Auf mich. Seine Hand. Hält meine. Immer noch.

Ich schließe die Augen. Falle.

Die Liebe hört niemals auf.