Esels-Erinnerungen
Genüsslich
steckte er seine Schnauze in das frische Heu. Die beiden Kleinen tapsten näher
und vergruben ihre Gesichter ebenfalls in dem duftenden Futter. Sie schmatzten
und schlangen das Heu gierig hinunter, während der alte Esel gemächlich und
leise fraß. Nach wenigen Minuten war der Futtertrog leer. Mit einem zufriedenen
Seufzer wandte er sich ab und trottete in eine Ecke des Stalls. Die zwei
Eselskinder, es waren Bruder und Schwester, hasteten ihm nach. Er wollte sich
gerade hinlegen, doch die Beiden drängten sich um ihn und kuschelten sich an
seine Seite. „Bitte, erzähl uns doch eine Geschichte!“, bettelten sie und
schauten ihn mit großen unschuldigen Augen an. „Nun gut“, gab sich der alte
Esel geschlagen. So viel Charme konnte er nicht widerstehen. „Juhu!!“ Das
kleine Esel-Mädchen sprang vor Freude fast in die Luft. Ihr Bruder dagegen
blieb ruhig. Er blickte den Alten nur mit ernsten Augen an und meinte mit
Nachdruck „Aber eine wahre Geschichte.“ Mit seiner angenehm tiefen Stimme begann
der greise Esel zu erzählen. „Vor langer Zeit lebte ich ein anstrengendes aber gutes
Leben in einem kleinen Ort. Ich musste hart arbeiten, aber mein Herr gab mir
genug zu fressen und kümmerte sich gut um mich. Eines Abends kam er zu mir in
den Stall und begann mich zu bürsten. Immer wenn er das machte, wusste ich,
dass ihn irgendetwas bedrückte. So war es auch dieses Mal. Nach kurzer Zeit
begann er zu erzählen. Es ging um ein Mädchen. Das ist bei den Menschen nichts
Ungewöhnliches.“ Bei dem Wort Mädchen hatte die kleine Eselin ihre Ohren
aufmerksam in die Höhe gereckt und fragte nun den Erzähler mit piepsiger
Stimme: „Ein Mädchen? So wie ich? War sie hübsch?“ Obwohl er im ersten Moment
verärgert über die Unterbrechung war, musste der alte Esel jetzt schmunzeln.
„Ja ein Mädchen, so wie du. Vielleicht war sie ein bisschen älter, aber doch
noch sehr jung. Und hübsch war sie, das muss schon gesagt werden. Mein Herr
konnte sich glücklich schätzen, denn er war mit ihr verlobt. Doch nun zurück zu
dem, was er mir erzählt hatte. Sein Mädchen erwartete ein Kind, aber nicht von
ihm.“ Entsetzt sogen die Geschwister die Luft ein und die kleine Eselin
schüttelte entrüstet und enttäuscht den Kopf. Gerade noch war sie begeistert
von diesem Mädchen gewesen und nun das! „Wartet Kinder, urteilt nicht, bevor
ihr nicht die ganze Geschichte kennt. Die Verlobte meines Herrn behauptete,
dass ihr Kind von Gott kommen würde. Ein Engel sei zu ihr gekommen und hätte
ihr das gesagt.“ „Von Gott?“ „Wie soll denn das gehen?“ „Was ist denn ein
Engel?“ Verwirrt redeten die Kleinen durcheinander. Der Alte sprach beruhigend
auf sie ein: „Langsam, langsam. Immer der Reihe nach. Ich werde es euch schon
noch erklären. Also: Ein Engel ist ein Bote Gottes, so ähnlich wie ein
Briefträger. Er bringt den Menschen Nachrichten von Gott. Und dem Mädchen hat
er die Nachricht gebracht, dass sie ein Kind bekommen würde, ohne einen Mann.
Das ist eigentlich unmöglich. Aber so war es. Ich hab es mit eigenen Augen
gesehen. Aber halt, ich greife vor, so weit sind wir ja noch nicht.“ „Was hat
denn dein Herr zu dem Ganzen gesagt?“, fragte der Esel-Junge. „Mein Herr war
natürlich verwirrt und auch enttäuscht. Er konnte die Geschichte seiner
Verlobten nicht wirklich glauben. Aber am nächsten Tag war er wie ausgewechselt.
Sofort nach dem Aufstehen, noch bevor er zu arbeiten begann, lief er zu seinem
Mädchen und sagte ihr, dass er sie heiraten werde. Ich war verwirrt. Da war er
tags zuvor noch so schockiert über ihr Geständnis und auf einmal war alles
wieder in Ordnung.“ Die kleinen Esel schauten den Alten in gespannter Erwartung
an. „Warum hat er seine Meinung geändert?“ „An diesem Abend“, fuhr der große
Esel fort, „kam mein Herr wieder zu mir in den Stall. Er erzählte mir, dass er
in der vorigen Nacht einen Traum gehabt hatte. In diesem Traum hat ein Engel
mit ihm geredet und ihm gesagt, dass seine Verlobte ihn nicht betrogen und auch
nicht angelogen hatte.“ „Schon wieder ein Engel“, kommentierte der kleine Esel,
und wusste nicht so recht, was er von
dieser Tatsache halten sollte. „Ja, Engel spielen in dieser Geschichte eine
recht bedeutende Rolle. Aber alles der Reihe nach. Das Mädchen war also
schwanger und ihr Bauch wurde immer dicker. Als sie schon fast kugelrund war,
kam ein wichtig aussehender Mann in unseren Ort und begann am Marktplatz laut
etwas vorzulesen. Als er wieder weg war schien unser kleines Dorf sich in einen
Bienenstock zu verwandeln. Alle redeten und tuschelten miteinander und viele
begannen ihre Sachen für eine Reise zu packen.“ „Das muss aber wichtig gewesen
sein, was dieser Mann da vorgelesen hat“, staunte das Esel-Mädchen, „wenn es
das ganze Dorf in Aufruhr gebracht hat.“ „Da hast du völlig Recht.“ Voller
Stolz schielte die Kleine zu ihrem Bruder hinüber. Der tat so, als hätte er es
nicht bemerkt und wandte sich ganz bewusst dem alten Esel zu. Dieser erzählte
weiter: „Der Mann war ein Bote des Kaisers. Der Kaiser hatte sich in den Kopf
gesetzt, dass er alle Leute in seinem Land zählen wollte.“ „Das waren sicher
viele. Sicher mehr als Hundermillionentausend“, meinte der kleine Esel. „Ganz
genau, es waren sehr viele.“ Nun war der kleine Junge an der Reihe, seine Brust
stolz zu recken und seiner Schwester einen selbstzufriedenen Blick zuzuwerfen.
„Ich hab auch etwas gewusst“ sollte dieser Blick bedeuten. Der alte Esel
räusperte sich, um die Aufmerksamkeit der beiden wiederzuerlangen. „Weil es so
viele Menschen waren, beschloss der Kaiser, dass alle in die Stadt gehen
sollten, aus der sie ursprünglich kamen. So wollte er verhindern, dass jemand
übersehen wurde. Mein Herr begann noch am selben Tag viele Dinge auf meinen
Rücken zu packen. Er und sein Mädchen mussten auch in eine andere Stadt gehen.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg. Es war eine lange Reise,
mehrere Tagesmärsche lang.“ „Aber das Mädchen hatte doch einen kugelrunden
Bauch!“, protestierte die kleine Eselin entrüstet. Auch der Junge nickte
zustimmend: „Sie kann doch nicht so weit gehen.“ „Ja, für das Mädchen war es
wirklich anstrengend. Deshalb durfte sie auch einen großen Teil der Reise auf
mir reiten.“ Die Geschwister waren beeindruckt. „Das ist aber nett von dir.“
Geschmeichelt von diesem Kompliment fuhr der alte Esel fort: „Schließlich waren
wir am Ziel unserer Reise angekommen. Ich freute mich auf einen gemütliches
Plätzchen zum Schlafen und eine große Portion Heu. Mein Herr und sein Mädchen
freuten sich auch auf ein Bett zum Schlafen und eine warme Gaststube, wo sie zu
Abend essen konnten. Doch leider wurde daraus nichts. Alle Gasthäuser in der
Stadt waren voll. Niemand hatte Platz für uns. Das Mädchen begann zu weinen,
denn ihr Baby sollte bald auf die Welt kommen und sie hatte nicht einmal ein
Bett.“ Die Augen des Esel-Mädchens füllten sich ebenfalls mit Tränen. Wie
ungerecht war doch die Welt! Der greise Esel drückte ihr einen sanften Kuss auf
die Schnauze. „Nana, nicht weinen. Die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Es
fand sich schließlich doch noch ein Platz für die Menschen. Ich teilte mir
einen Stall mit ihnen. Normalerweise schlafen Menschen ja nicht in Ställen,
aber mein Herr war froh, dass sie ein Dach über dem Kopf hatten. In dieser
Nacht kam das Baby auf die Welt.“ „Menschenbabys brauchen doch ein Bett,
oder?“, fragte der Esel-Junge. „Aber in einem Stall steht doch kein Bett?“,
schniefte die kleine Eselin. Die Geschwister konnten sich gar nicht vorstellen,
wie so ein kleines Ding in ihrem Stall zurechtkommen würde. Menschenbabys waren
doch so winzig und zerbrechlich. Ein Stall war kein geeigneter Ort für sie.
„Ja, ein Bett hatten wir nicht in dem Stall. Aber ich hatte eine gute Idee. Im
Futtertrog war noch ein wenig Heu übrig, und wenn man eine Decke darüberlegte,
würde das ein weiches Bett für das kleine Menschlein machen. So legte das
Mädchen ihr Baby in den Trog. „Das arme kleine Ding“, ertönte es fast
einstimmig von den zwei kleinen Eseln. „Das habe ich mir auch gedacht, als ich
mich schließlich schlafenlegte. Plötzlich wurde ich von Stimmen aus dem Schlaf
gerissen. Eine Gruppe von unrasierten, schmutzigen, einfach gekleideten Hirten
kam in unseren Stall. Draußen blökten ihre Schafe. ‚Wieso stören die meine
Nachtruhe‘, dachte ich mir. Mein Herr dachte sich dasselbe. Er fragte die
Männer, was sie hier wollten. Da fingen sie an zu erzählen. Sie waren wie immer
mit ihren Herden am Feld gewesen, als plötzlich ein Engel da war und …“ „Schon
wieder ein Engel!“, rief der kleine Esel aufgeregt. Der alte Esel lächelte.
„Nicht nur einer. Die Hirten erzählten, dass dann eine große Menge von Engeln
da war. Einer von ihnen hatte den Männern gesagt, wo sie das Baby finden
würden, und deshalb waren sie nun da: Um das Baby zu sehen.“ „Das muss aber ein
besonderes Baby gewesen sein“, meinte das Esel-Mädchen und ihr Bruder nickte
zustimmend. „Ja meine Kleinen, das war es auch. Ein ganz besonderes Baby...“
Der alte Esel hob seinen Kopf und blickte verträumt nach oben. „Dieses Kind war
kein normales Menschenbaby.“ Die zwei Eselskinder schauten ihn verwundert an,
aber sie trauten sich nicht zu sprechen, denn der Alte schien sich mit seinen
Gedanken weit weg zu sein. So schwiegen sie nur und warteten geduldig, bis er
weitersprach. „Im ersten Moment ahnte ich das natürlich noch nicht. Es sah aus
wie ein normales Menschenbaby und benahm sich auch so. Doch dann …“, die Stimme
des greisen Esels brach und er musste sich fassen, bevor er weiter erzählen
konnte: „Doch dann öffnete das Kind die Augen und schaute mich an. Sein Blick
ist bis in mein Innerstes gedrungen und ich wusste, ich blickte in die Augen
meines Schöpfers.“ Nun konnten sich die kleinen Esel vor Aufregung nicht mehr
zurückhalten. „Was? Meinst du Gott?“ „Der Schöpfer ist doch Gott.“ „Das heißt…,
das heißt, du hast Gott gesehen?“ Lächelnd schaute der Esel die Geschwister an
und dann nickte er. „Ja Kinder, Gott ist als Mensch auf die Erde gekommen, und
ich habe ihn gesehen!“
Für den Kreativwettbewerb der MedUni Graz.
Für den Kreativwettbewerb der MedUni Graz.