Montag, 12. Mai 2008

Traum?

Als er die Augen öffnete, mussten sie sich zuerst an die schummrigen Lichtverhältnisse gewöhnen, bevor er bemerkte, dass er an einem Ort war, den er nicht kannte. Er hatte sofort ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, und glaubte zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Er sollte es im Laufe der Zeit noch erfahren, was ihm dieses unangenehme Gefühl verursachte, dass ihm beinahe das Atmen versagte. Er war zwar noch nicht ganz wach und konnte noch nicht klar denken, doch nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen hatte er sich das, was ihm widerfahren war und noch widerfahren würde, ausgemalt. Das erste, was er, außer dem schummrigen Licht, dessen Schein ihn nervös machte, wahrnahm, war der Boden. Er fühlte sich rau und kalt an. Das Sitzen wurde langsam unangenehm und er hätte sich gerne umgesehen, doch noch wagte er es nicht aufzustehen, hatte er doch Angst, dass plötzlich irgendetwas passieren oder ihm irgendjemand etwas antun konnte. Als einige Zeit vergangen und die Angst zwar nicht kleiner, aber der Drang irgendetwas zu tun immer größer geworden war, wagte er es schließlich aufzustehen und herumzugehen. Zu seiner großen Erleichterung geschah zunächst gar nichts. Er wanderte durch die Gegend, er wusste nicht, ob es sich um einen geschlossenen Raum oder um eine Landschaft handelte, und schon bald stieß er auf andere Leute, außer ihm. Sie schienen ihn nicht zu bemerken oder aber er war ihnen egal, jedenfalls ging jeder seines Weges und schien keine Notiz von ihm zu nehmen. Nur ab und zu streifte ihn ein nichtssagender Blick. Die anderen Personen sahen schrecklich aus, ihre Gesichter waren eingefallen, ihre Augen trüb und um den Mund hatten sie einen schmerzlichen Zug. Ihre Kleidung war ausnahmslos grau – nicht grau gefärbt, sondern einfach farblos. Sie schlurften mit Schritten vorbei, die vermuten ließen, dass ihre Füße Tonnen wogen. Als er den trostlosen Zustand der anderen bemerkt hatte, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass auch er selbst so aussehen könnte. Und tatsächlich - als er einen Blick an sich hinab riskierte, bemerkte er, dass er sich nicht im Geringsten von den anderen unterschied. Nun wollte er wissen, ob auch sein Gesicht so trist dreinblickte, wie die vielen anderen Gesichter, die er vorübergehen sehen hatte. Nachdem er eine kurze Zeit gesucht hatte, fand er etwas in der Wand, das aussah wie ein Spiegel. Zuerst schien es auch wirklich einer zu sein, denn obwohl ihm ein eingefallenes Gesicht mit trüben Augen und einem schmerzlichen Zug um den Mund anblickte, wusste er sofort, dass das er war. Er konnte es nicht glauben, dass er so aussehen sollte. Was hatte dieser schreckliche Ort nur mit ihm gemacht? Als er noch einmal in den Spiegel oder durch die Scheibe, die ein Spiegel zu sein schien, blickte, sah er plötzlich wir durch ein Fenster. Und was er sah, raubte ihm den Atem.

Dort lag er auf einem Bett, blass und leblos. Er sah, wie sich ihm ein Mann mit weißem Kittel näherte und wie sich dessen Miene plötzlich veränderte. Er sagte etwas und nun wurde es hektisch rund um ihn, oder besser gesagt, seinen leblosen Körper. Nach einigen Minuten traten die Menschen, die sich vorher um ihn gescharrt hatten, zurück und überließen dem Mann im weißen Kittel das Feld. Dieser blickte auf die Uhr, notierte etwas auf einem Blatt Papier und dann verließen die Menschen den Raum. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür wieder, und er sah seine Eltern das Zimmer betreten. Der Mann von vorher sprach kurz mit ihnen und er konnte diese Stimme vor seinem „Spiegel“ auch hören. Der Mann sagte, dass es ihm sehr leid tue aber dass man nichts mehr machen hatte können. Es sei ohne Schmerzen geschehen. Und plötzlich begriff er. Er war tot! Seine Gedanken überschlugen sich und er musste sich fast übergeben. Er war tot. Aus. Punkt. Aber halt – warum war er dann hier und konnte denken? Und plötzlich wusste er, wo er war. Zumindest hatte er eine Ahnung. Er war tot und befand sich nun dort, wo man hinkam, nachdem man gestorben war. Also gab es doch ein Leben nach dem Tod. Woher kam ihm das bloß bekannt vor? Doch jetzt hatte er keine Zeit, darüber nachzudenken, denn in diesem Augenblick hörte er aus dem „Spiegel“ eine ihm vertraute Stimme. Es war die seiner Mutter. Ihr Aufschrei war kaum mehr als in heiseres Krächzen, aber trotzdem zog sich in seinem Inneren alles zusammen, als er hörte, wie sie „Warum“ schrie – wie ein gefangenes Tier, das sich mit allerletzten Kräften noch einmal aufzubäumen versuchte, und dann einsehen musste, dass es zu spät war. Genauso kam ihm der heisere Schrei seiner Mutter vor. Dann gab sie jeden Protest auf und begann hemmungslos zu schluchzen. Auch sein Vater konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und so lagen sie sich lange weinend in den Armen.


Diese Geschichte sollte eigentlich noch weitergehen, aber irgendwie hatte ich dann keine Lust mehr. Und irgendwie finde ich sie auch ganz gut so ohne wirkliches Ende...

Montag, 31. März 2008

Morgens

Der Wecker klingelt. Ich stöhne. Der Wecker ignoriert das und klingelt weiter. Ich drehe mich auf die andere Seite, so dass ich ihm demonstrativ den Rücken zuwende, doch auch das funktioniert nicht. Er hört nicht auf zu klingeln. Schließlich werfe ich ihn genervt in eine Ecke meines Zimmers. Endlich ist es ruhig. Ich kuschle mich tiefer in die Decke. Bald schon bin ich eingeschlafen. Erst als mich ein Sonnenstrahl an der Nasenspitze kitzelt, wache ich wieder auf. Wohlig recke ich mich und taste dabei mit einer Hand nach meinem Wecker. Dieser steht natürlich nicht an seinem gewöhnlichen Platz auf meinem Nachtkästchen, sondern, so kommt es mir zumindest vor, grinst mich hämisch von der anderen Seite des Raumes an. Sein Zifferblatt zeigt er mir natürlich nicht. Also stemme ich mich aus dem Bett hoch und taumle schlaftrunken zu der Ecke, wo mein Wecker gelandet ist. Als ich die Uhrzeit sehe, werde ich richtig wach. Zehn vor acht ist es schon! Um acht müsste ich in der Arbeit sein. Der Wecker schaut mich schadenfroh an. „Ha“, scheint er zu sagen, „das hast du nun davon, dass du mich ignoriert hast! Geschieht dir recht!“ „Halt die Klappe!“ zische ich ihm genervt zu und renne ins Badezimmer, wo mir einfällt, dass mein Wecker mich doch gar nicht verstehen kann. Aber er hat mich schadenfroh angegrinst, oder nicht? Vermutlich bekommt mir die Mischung von Schock, Stress und Müdigkeit nicht. Als ich in den Spiegel blicke, wartet schon der nächste Schreck auf mich. Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche, die schon seit zwei Jahren von den Naturgewalten traktiert wird. Also versuche ich mich so gut (und so schnell) wie möglich für die Öffentlichkeit erträglich herzurichten. Natürlich sehe ich nachher noch immer aus wie eine Vogelscheuche (gut Ding braucht bekanntlich Weile, und die habe ich im Moment wirklich nicht), aber diese Vogelscheuche hat schon einen menschlichen Touch gewonnen und mit den Naturgewalten eine weniger gewaltsame Bekanntschaft gemacht, als die erste Vogelscheuche, die mich kurz zuvor aus dem Spiegel angeblickt hat.

Ich sprinte in die Küche und will mir noch schnell einen Kaffee gönnen, doch es scheint, als ob sich heute alles gegen mich verschworen hätte. Die Kaffeemaschine funktioniert nicht, das Kakaopulver ist leer und Tee trinke ich grundsätzlich nicht. Also muss sich mein knurrender Magen mit einem Glas Wasser und einem Stück hartem Brot, das schon seit Großmutters Zeiten in meiner Küche herumliegt, aber das einzig Essbare in meiner Nähe ist, begnügen. In einer Hand das Glas Wasser, das Brotstück in meinem Mund, versuche ich meine Schuhe und meine Jacke anzuziehen, was sich als halsbrecherische zirkusakrobatische Nummer herausstellt, mit der ich bestimmt das Herz jedes Publikums gewinnen würde – wenn ich im Zirkus wäre und nicht im Stress. Schlussendlich knalle ich meine Wohnungstür zu und haste zur Garage hinunter, dass der Lift ist außer Betrieb ist überrascht mich schon gar nicht mehr. Ich seufze erleichtert auf, als ich auf die Uhr schaue und sehe, dass es erst zwei Minuten vor acht ist. Ich könnte es noch schaffen. Ich müsste zwar einige Geschwindigkeitslimits überschreiten, aber ich könnte um acht Uhr pünktlich im Büro sein. Wenn ich nur meine Autoschlüssel finden würde…

Montag, 17. März 2008

Naturbeobachtung

Nebelschleier

Weißes Band

Zieht sich durch das weite Land

Graue Wolken

Dick und schwer

Geben sehr viel Regen her

Tropfen glänzen

Nass und kalt

Auf dem schwarzen Asphalt

Bäume strecken ihre Glieder

Äste knarren leise Lieder

Wie Arme lang und dunkel

Man hört fast das Gemunkel

Von Schattentieren

Die den Boden zieren

Bizarre Formen verstecken sich

Und allmählich

Erwacht

Die Nacht

Sonntag, 20. Januar 2008

Sie saß da

Sie saß da

Tränen schimmerten in den Augen

Trauer


HERR, heile Du die kaputten Herzen

Du bist der, der Beziehungen wiederherstellt

Füge Du HERR, Zerbrochenes wieder zusammen


Ein Schritt, zaghaft, aber entschlossen

Ein erster Schritt, dann noch einer

Die Distanz wird überwunden


Sie fallen sich in den Arm

Tränen vermischen sich

Bebende Schultern, aneinandergeschmiegt


Es tut mir so leid!


Mit zitternder Stimme

Tränen auf den Wangen


Mir tut es auch so leid!


Leise Worte

Schwierige Worte

Notwendige Worte

Schmerzhafte Worte

Heilsame Worte


Wunden verheilen – unter Schmerzen

Zerbrochenes wird wieder ganz – durch Tränen


Neubeginn



Das hab ich geschrieben, als ich die Versöhnung von zwei Freundinnen beobachten durfte.