Als er die Augen öffnete, mussten sie sich zuerst an die schummrigen Lichtverhältnisse gewöhnen, bevor er bemerkte, dass er an einem Ort war, den er nicht kannte. Er hatte sofort ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, und glaubte zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Er sollte es im Laufe der Zeit noch erfahren, was ihm dieses unangenehme Gefühl verursachte, dass ihm beinahe das Atmen versagte. Er war zwar noch nicht ganz wach und konnte noch nicht klar denken, doch nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen hatte er sich das, was ihm widerfahren war und noch widerfahren würde, ausgemalt. Das erste, was er, außer dem schummrigen Licht, dessen Schein ihn nervös machte, wahrnahm, war der Boden. Er fühlte sich rau und kalt an. Das Sitzen wurde langsam unangenehm und er hätte sich gerne umgesehen, doch noch wagte er es nicht aufzustehen, hatte er doch Angst, dass plötzlich irgendetwas passieren oder ihm irgendjemand etwas antun konnte. Als einige Zeit vergangen und die Angst zwar nicht kleiner, aber der Drang irgendetwas zu tun immer größer geworden war, wagte er es schließlich aufzustehen und herumzugehen. Zu seiner großen Erleichterung geschah zunächst gar nichts. Er wanderte durch die Gegend, er wusste nicht, ob es sich um einen geschlossenen Raum oder um eine Landschaft handelte, und schon bald stieß er auf andere Leute, außer ihm. Sie schienen ihn nicht zu bemerken oder aber er war ihnen egal, jedenfalls ging jeder seines Weges und schien keine Notiz von ihm zu nehmen. Nur ab und zu streifte ihn ein nichtssagender Blick. Die anderen Personen sahen schrecklich aus, ihre Gesichter waren eingefallen, ihre Augen trüb und um den Mund hatten sie einen schmerzlichen Zug. Ihre Kleidung war ausnahmslos grau – nicht grau gefärbt, sondern einfach farblos. Sie schlurften mit Schritten vorbei, die vermuten ließen, dass ihre Füße Tonnen wogen. Als er den trostlosen Zustand der anderen bemerkt hatte, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass auch er selbst so aussehen könnte. Und tatsächlich - als er einen Blick an sich hinab riskierte, bemerkte er, dass er sich nicht im Geringsten von den anderen unterschied. Nun wollte er wissen, ob auch sein Gesicht so trist dreinblickte, wie die vielen anderen Gesichter, die er vorübergehen sehen hatte. Nachdem er eine kurze Zeit gesucht hatte, fand er etwas in der Wand, das aussah wie ein Spiegel. Zuerst schien es auch wirklich einer zu sein, denn obwohl ihm ein eingefallenes Gesicht mit trüben Augen und einem schmerzlichen Zug um den Mund anblickte, wusste er sofort, dass das er war. Er konnte es nicht glauben, dass er so aussehen sollte. Was hatte dieser schreckliche Ort nur mit ihm gemacht? Als er noch einmal in den Spiegel oder durch die Scheibe, die ein Spiegel zu sein schien, blickte, sah er plötzlich wir durch ein Fenster. Und was er sah, raubte ihm den Atem.
Dort lag er auf einem Bett, blass und leblos. Er sah, wie sich ihm ein Mann mit weißem Kittel näherte und wie sich dessen Miene plötzlich veränderte. Er sagte etwas und nun wurde es hektisch rund um ihn, oder besser gesagt, seinen leblosen Körper. Nach einigen Minuten traten die Menschen, die sich vorher um ihn gescharrt hatten, zurück und überließen dem Mann im weißen Kittel das Feld. Dieser blickte auf die Uhr, notierte etwas auf einem Blatt Papier und dann verließen die Menschen den Raum. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür wieder, und er sah seine Eltern das Zimmer betreten. Der Mann von vorher sprach kurz mit ihnen und er konnte diese Stimme vor seinem „Spiegel“ auch hören. Der Mann sagte, dass es ihm sehr leid tue aber dass man nichts mehr machen hatte können. Es sei ohne Schmerzen geschehen. Und plötzlich begriff er. Er war tot! Seine Gedanken überschlugen sich und er musste sich fast übergeben. Er war tot. Aus. Punkt. Aber halt – warum war er dann hier und konnte denken? Und plötzlich wusste er, wo er war. Zumindest hatte er eine Ahnung. Er war tot und befand sich nun dort, wo man hinkam, nachdem man gestorben war. Also gab es doch ein Leben nach dem Tod. Woher kam ihm das bloß bekannt vor? Doch jetzt hatte er keine Zeit, darüber nachzudenken, denn in diesem Augenblick hörte er aus dem „Spiegel“ eine ihm vertraute Stimme. Es war die seiner Mutter. Ihr Aufschrei war kaum mehr als in heiseres Krächzen, aber trotzdem zog sich in seinem Inneren alles zusammen, als er hörte, wie sie „Warum“ schrie – wie ein gefangenes Tier, das sich mit allerletzten Kräften noch einmal aufzubäumen versuchte, und dann einsehen musste, dass es zu spät war. Genauso kam ihm der heisere Schrei seiner Mutter vor. Dann gab sie jeden Protest auf und begann hemmungslos zu schluchzen. Auch sein Vater konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und so lagen sie sich lange weinend in den Armen.
Diese Geschichte sollte eigentlich noch weitergehen, aber irgendwie hatte ich dann keine Lust mehr. Und irgendwie finde ich sie auch ganz gut so ohne wirkliches Ende...