Sonntag, 5. Dezember 2010

Eine Weihnachtsgeschichte.

Daniel liebte es, zur Weihnachtszeit durch die Straßen zu schlendern. Auch wenn viele Menschen das Wesentliche aus den Augen verloren hatten, so hatte er doch immer dieses besondere Gefühl wie damals. Damals, vor über 2000 Jahren als er mit den anderen auf dem Feld vor den verdutzten Hirten Gott gelobt hatte. Es war herrlich gewesen, und er dachte jedes Mal mit Freude an diesen Tag zurück. Darum mochte er auch die Weihnachtszeit so, weil er dann immer an dieses besondere Ereignis erinnert wurde.

Doch heute war Daniel nicht zum Singen hier. Er wollte sehen, wie es den Menschen ging. Wollte wissen, was sie dachten an diesem besonderen Fest. Angezogen von den Menschenmassen, die sich dort aufhielten, besuchte er zuerst einen Weihnachtsmarkt. Verschiedenste Düfte lagen in der Luft und Daniel versuchte, sie den unterschiedlichen Ständen und Hütten zuzuordnen. Er fand schnell heraus, dass der süßlich schwere Geruch in der Luft von den vielen Glühweinständen kam. Einerseits faszinierte ihn das Getränk, andererseits fand er es auch abstoßend, vor allem als er sah, was es mit den Menschen machte. Entsetzt beobachtete er, wie junge Menschen völlig die Kontrolle über sich verloren. So beschloss er, sich anderen Dingen zuzuwenden und betrachtete daher die anderen Stände, die Dekorationen und Geschenke zum Verkauf boten. Als er die verschiedensten handgemachten Sachen betrachtete, stachen ihm einige Figuren besonders ins Auge. Es gab sie in allen möglichen Größen, Farben und in unterschiedlichsten Ausführungen. Erst wusste Daniel nicht, was sie darstellen sollten, wusste nicht, ob sie Mensch oder Tier sein sollten. Ihr Körper war wie der eines Menschen, doch am Rücken trugen sie Flügel wie Vögel. Doch plötzlich verstand er. Es sollten Engel sein. Daniel begann lauthals zu lachen. Was die Menschen doch für komische Vorstellungen hatten. Kichernd ging Daniel weiter.

Während er so durch die Stadt schlenderte, fing es an zu schneien. Dicke weiße Flocken fielen vom Himmel und überzogen die Straßen und Gassen mit einem  weißen Teppich. Vergnügt streckte Daniel seine Hand aus und versuchte die tanzenden Kristalle zu fangen. Er beobachtete, wie die Passanten auf der noch dünnen Schneedecke Spuren hinterließen. Er wandte sich um, und wie erwartet war dort, wo er gegangen war, der Schnee unberührt. Natürlich wusste er das, aber irgendwie machte es ihn auch traurig. Er wollte doch so gerne Spuren hinterlassen. 
Mit gesenktem Kopf schlenderte Daniel weiter durch die vorweihnachtliche Stadt. Längere Zeit ging er so dahin, ohne den Blick zu heben, während er über die Spuren nachdachte. Nach einer Zeit erinnerte er sich, warum er eigentlich gekommen war.

Also schüttelte er seine gedrückte Stimmung ab und hob den Kopf. Vor sich sah er ein großes Gebäude. Es wirkte beeindruckend, war aber nicht wirklich schön anzusehen. Daniel sah Menschen hineingehen. Ihr Blick war nicht der, den er bei den Menschen am Weihnachtsmarkt gesehen hatte. Es kam ihm so vor, als ob einige von ihnen eine schwere Last mitschleppten. Daniel zog es zu diesen Menschen hin. Er wollte sehen, ob er ihnen nicht irgendwie helfen konnte. Also marschierte er in das Gebäude. Er beschloss, in den dritten Stock zu gehen und verschwand dann im ersten Zimmer rechts.
Ein Herr mittleren Alters lag in einem Bett. Friedrich K. stand auf dem Namensschild. Daniel setzte sich zu ihm. Der Mann hatte traurige Augen. Daniel nahm seine Hand und hörte zu.

„Ich brauche weder Eis noch Schnee
Ich wart’ nicht auf Lebkuchen oder Glühwein und Tee
Das, was ich mir wünsche vom Weihnachtsmann
Ist, dass ich Heiligabend zu Hause sein kann.“

Daniel musste schmunzeln, als Herr K. über den Weihnachtsmann nachdachte, denn es wusste doch jeder, dass es den alten Herrn mit langem weißem Bart gar nicht gab. Doch er wurde sofort wieder ernst. Der Mann tat ihm leid. Er lag schon lange im Krankenhaus und hatte so gehofft, dass er das Weihnachtsfest zu Hause mit seiner Familie feiern konnte. Daniel seufzte, beugte sich dann über Friedrich K. und küsste ihn sanft auf die Wange. Dann schlich er aus dem Zimmer, während Herr K. ganz ruhig und friedlich einschlief.

Daniel wanderte weiter durch die Gänge, bis er aus einem Zimmer ein schwaches Stöhnen hörte. Leise setzte er sich auf einen Stuhl neben das Bett der jungen Frau. Er streichelte ihren Arm und hörte zu.

„Der Christbaumschmuck glitzert im Kerzenlicht
Doch glücklich macht mich das alles nicht
‚Oh du fröhliche’ kann ich nicht sagen
Wenn mich dauernd Schmerzen plagen.“

Daniel schaute die Frau voller Mitgefühl an. Es musste schlimm sein, Schmerzen zu haben. Er wäre gerne noch länger bei ihr geblieben, doch er musste weiter. Es gab noch viele Menschen, in diesem großen Haus. Aber bevor er ging, legte er seine Hand behutsam auf ihre Stirn und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.  Als er durch die Tür verschwunden war, hatte das Stöhnen aufgehört.

Daniel trat aus dem Zimmer und sah einen Arzt an ihm vorbeihetzen. Daniel rannte ihm nach und als der Arzt seufzend stehen blieb, legte er ihm die Hand auf die Schulter und hörte zu.

„Heiligabend, die Glocken klingeln
Ach, könnt ich doch Wunder vollbringen
So viel Schmerz und so viel Leid
Sieht man auch in der Weihnachtszeit.“

Der Arzt tat Daniel Leid. Er konnte verstehen, wie schwer es ihm fallen musste, all das Leid zu sehen, und oft nichts dagegen machen zu können. Er drückte den Arzt kurz an sich, bevor er seinen Weg fortsetze. Er war schon um die Ecke gebogen und sah nicht mehr, wie sich der Mann mit neuer Kraft aufrichtete.

Auf der nächsten Station sah Daniel ein kleines Mädchen, das an einem Tisch am Gang saß. Vor ihr türmten sich Spielsachen, doch sie starrte nur mit großen traurigen Augen darauf. Daniel gesellte sich zu ihr, legte tröstend den Arm um die Kleine und hörte zu.

„So viele Geschenke, ganz tolle Sachen
Die mir aber alle keine Freude machen
Christkind, ich hab’ doch nur eines verlangt:
Bitte mach die Mama nicht wieder krank!“

Tränen stiegen Daniel in die Augen, während er ihr zuhörte. Weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, nahm er das Mädchen in den Arm und streichelte ihr sanft über den Kopf. Während er sie so im Arm hielt, erinnerte er sich plötzlich, dass er gehen musste. Schwermütig ließ er die Kleine los, aber nicht bevor er ihr einen zarten Kuss auf die Wange gedrückt hatte. Als er leise verschwand, drehte sich das Mädchen um und lächelte. Doch Daniel hatte es nicht mehr gesehen.

So ging Daniel davon, niedergeschlagen und mit einem Gefühl der Hilflosigkeit. Doch ohne es zu wissen, ließ er einen Teil von sich, einen Schimmer aus Freundlichkeit und Liebe, einen kleinen, aber starken Lichtstrahl in der Dunkelheit des Krankenhauses zurück.


Für den Kreativwettbewerb der MedUni Graz.