Der Wecker klingelt. Ich stöhne. Der Wecker ignoriert das und klingelt weiter. Ich drehe mich auf die andere Seite, so dass ich ihm demonstrativ den Rücken zuwende, doch auch das funktioniert nicht. Er hört nicht auf zu klingeln. Schließlich werfe ich ihn genervt in eine Ecke meines Zimmers. Endlich ist es ruhig. Ich kuschle mich tiefer in die Decke. Bald schon bin ich eingeschlafen. Erst als mich ein Sonnenstrahl an der Nasenspitze kitzelt, wache ich wieder auf. Wohlig recke ich mich und taste dabei mit einer Hand nach meinem Wecker. Dieser steht natürlich nicht an seinem gewöhnlichen Platz auf meinem Nachtkästchen, sondern, so kommt es mir zumindest vor, grinst mich hämisch von der anderen Seite des Raumes an. Sein Zifferblatt zeigt er mir natürlich nicht. Also stemme ich mich aus dem Bett hoch und taumle schlaftrunken zu der Ecke, wo mein Wecker gelandet ist. Als ich die Uhrzeit sehe, werde ich richtig wach. Zehn vor acht ist es schon! Um acht müsste ich in der Arbeit sein. Der Wecker schaut mich schadenfroh an. „Ha“, scheint er zu sagen, „das hast du nun davon, dass du mich ignoriert hast! Geschieht dir recht!“ „Halt die Klappe!“ zische ich ihm genervt zu und renne ins Badezimmer, wo mir einfällt, dass mein Wecker mich doch gar nicht verstehen kann. Aber er hat mich schadenfroh angegrinst, oder nicht? Vermutlich bekommt mir die Mischung von Schock, Stress und Müdigkeit nicht. Als ich in den Spiegel blicke, wartet schon der nächste Schreck auf mich. Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche, die schon seit zwei Jahren von den Naturgewalten traktiert wird. Also versuche ich mich so gut (und so schnell) wie möglich für die Öffentlichkeit erträglich herzurichten. Natürlich sehe ich nachher noch immer aus wie eine Vogelscheuche (gut Ding braucht bekanntlich Weile, und die habe ich im Moment wirklich nicht), aber diese Vogelscheuche hat schon einen menschlichen Touch gewonnen und mit den Naturgewalten eine weniger gewaltsame Bekanntschaft gemacht, als die erste Vogelscheuche, die mich kurz zuvor aus dem Spiegel angeblickt hat.
Ich sprinte in die Küche und will mir noch schnell einen Kaffee gönnen, doch es scheint, als ob sich heute alles gegen mich verschworen hätte. Die Kaffeemaschine funktioniert nicht, das Kakaopulver ist leer und Tee trinke ich grundsätzlich nicht. Also muss sich mein knurrender Magen mit einem Glas Wasser und einem Stück hartem Brot, das schon seit Großmutters Zeiten in meiner Küche herumliegt, aber das einzig Essbare in meiner Nähe ist, begnügen. In einer Hand das Glas Wasser, das Brotstück in meinem Mund, versuche ich meine Schuhe und meine Jacke anzuziehen, was sich als halsbrecherische zirkusakrobatische Nummer herausstellt, mit der ich bestimmt das Herz jedes Publikums gewinnen würde – wenn ich im Zirkus wäre und nicht im Stress. Schlussendlich knalle ich meine Wohnungstür zu und haste zur Garage hinunter, dass der Lift ist außer Betrieb ist überrascht mich schon gar nicht mehr. Ich seufze erleichtert auf, als ich auf die Uhr schaue und sehe, dass es erst zwei Minuten vor acht ist. Ich könnte es noch schaffen. Ich müsste zwar einige Geschwindigkeitslimits überschreiten, aber ich könnte um acht Uhr pünktlich im Büro sein. Wenn ich nur meine Autoschlüssel finden würde…